Verstandanteportas

Die Öffentlich-Rechtlichen - nur noch zwischen den Zeilen zu ertragen

Beim Verlesen der "Tagesthemen" hatte es Jan Hofer vor einem Monat von der goldenen Nachrichtensprecher-Schaukel gekloppt - Magenverstimmung. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Und doch war mein erster Gedanke, als ich davon las: Wahrscheinlich war der Nachrichtenbrei über Gebühr verdorben ...

Wie viele andere Menschen auch, meide ich die Öffentlich-Rechtlichen Sender weitestgehend und belasse es bei regelmäßigen Stippvisiten, um meine gewachsene Antipathie zu hinterfragen. Offenkundig hat diese Form kollektiver Medienflucht die beiden öffentlichen Fernsehanstalten in eine Krise gestürzt, so wie etliche Zeitungsverlage auch. Hätte sie jedenfalls, wären ARD und ZDF den Gesetzen des Marktes ausgesetzt. Aber in Zeiten sprudelnder Zwangsgebühren, selbst von solchen, die weder Fernseher noch Radio besitzen bzw. Entsprechendes empfangen, sind die dortigen Macher und Protagonisten unverändert weich gebettet. Ein quasi-sozialistisches Modell, bei dem man sich sogar zwei Sendeanstalten mit austauschbarem Programm-Einerlei sowie hochbezahlte Mehrfachbesetzungen leisten kann. Da ist es auch nicht eben kontraproduktiv, einen vertrauensvollen Draht zur herrschenden Politelite zu unterhalten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg von den West-Alliierten eingeführt, waren dem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk in Deutschland insbesondere hoheitliche Aufgaben mit Schwerpunkt Umerziehung, Westbindung und Ostabgrenzung zugedacht worden. Zur Finanzierung wurden die Rundfunkgebühren eingeführt. Doch mittlerweile hat das Bundesverfassungsgericht die besagte Hoheitsfunktion als ein Relikt vergangener Zeiten vom Tisch gewischt und lediglich einen Auftrag für Information, Bildung und Unterhaltung festgestellt. Genau das postulieren jedoch auch die privaten Sender. Und tatsächlich, lässt man die ausufernde Werbung der privaten Anbieter einmal außen vor, dann sind die mangelnde Programmqualität im Allgemeinen sowie die Dominanz von Unterhaltungsformaten im Besonderen etwas, das alle verbindet.

Aber zappen wir doch einmal durch die verschiedenen Kanäle von ARD und ZDF, um uns des feilgebotenen Angebotes an Information, Bildung und Unterhaltung anzunehmen. Bei Nachrichten- und Politsendungen fällt mir sofort das journalistische Urgestein Hanns Joachim Friedrichs ein, der einmal sagte, gute Journalisten müssten 'Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein.'

Na, zucken Ihre Mundwinkel auch schon nach oben? Oder wie wäre es mit dem französischen Philosophen Voltaire, von dem folgender Ausspruch überliefert ist: 'Mein Herr, ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, dass Sie sie sagen dürfen.'
Und, Sie möchten endlich bitter auflachen? Ehrlich gesagt, ich bin Ihnen voraus. Aber macht nichts, einen habe ich noch. Spielen wir also folgendes Spiel: Ich werfe Ihnen Begriffe zu, Sie bringen diese in Verbindung mit einschlägigen Nachrichten- und Politsendungen. - Bereit? Also dann: Ausgewogenheit, Transparenz, Meinungshoheit, Populismus, Pressekodex 12.1.
Was, das Lachen ist Ihnen im Hals steckengeblieben? Verständlich, seriöse Journalisten und Redaktionen sollten niemals den Anspruch erheben, zugleich Ankläger, Richter und Henker sein zu wollen.

Wenn ich an die Unterhaltungssparte denke, schießen mir als erstes die Promi-Talksendungen in den diversen Regionalprogrammen und der 1000-fache "Tatort" in gefühlt hunderttausend Wiederholungen durch den Kopf. Derart inflationär vorgetragen, würde selbst beste Qualität zum Ärgernis verkommen.

Was die Traditions-Krimireihe "Tatort" angeht, so hat die Qualität tendenziell in dem Umfang abgenommen, in dem die Frequenz der Wiederholungen zugenommen hat. Fasst möchte man meinen, der zunehmend aussichtslose Kampf der personell wie materiell ausgedünnten realen Polizei gegen Organisiertes Verbrechen, Gewalttaten und Diebstahl soll auf dem Schlachtfeld fiktiver Mordermittlung wettgemacht werden. Und konsequenterweise wird dem Zuschauer für seine Zwangssteuer auch hier mantraartig vorgebetet, was im Sinne der Politischen Korrektheit als anständig und gesellschaftlich vertretbar zu gelten hat und was eben nicht. Das und die psychischen Befindlichkeiten nebst Weltanschauungen der Fernsehkommissare wiegen mittlerweile schwerer als kriminalistischer Spürsinn und spannender Handlungsstrang.

Hinsichtlich der Promi-Talksendungen sehne ich mich nach den unterhaltsamen Zeiten eines sperrigen Klaus Kinski. Nicht, dass dieses Rumpelstilzchen wesentlich mehr Tiefgang in die Dialoge gebracht hätte, was in solchen Formaten eh nie gewünscht war. Nein, aber Prominente wie er zeichneten sich noch dadurch aus, dass sie nicht zwanghaft bemüht waren, Normen und vorherrschende Meinungen zu bedienen. Es gab einstmals Querdenker, die sprachen, wie ihnen der sprichwörtliche Schnabel gewachsen war. Nichts ist davon geblieben. Heute prägen Gesinnungsuniformität, Selbstbeweihräucherung und rührselige Geschichtchen die Formate aus Köln, Hamburg, Bremen. Dabei werden die üblichen Verdächtigen wie in einer Endlosschleife herumgereicht. Haben wir in Deutschland zu wenig hochkarätige Prominenz oder sind die Auserwählten einfach nur solche, die ins genehme Bild passen?

Unter dem Strich wird die Summe aller Verfehlungen dafür sorgen, dass die konsumierende Fernsehgemeinschaft ihren Unmut auch weiterhin und immer stärker durch Boykott und Beschwerdekorrespondenz zum Ausdruck bringt. Längst ist aus dem lauen Lüftchen ein Unwetter geworden. Auf ewig lässt sich das von politischen Entscheidern und kritikresistenten Granden der öffentlich-rechtlichen Medienanstalten nicht ignorieren. Die vordringlichen Fragen lauten: Weshalb zwei öffentlich-rechtliche Anstalten, mit welcher Berechtigung dermaßen überfinanziert?

Dazu noch ein abschließendes Bonbon: Der Chefredakteur von "ARD-Aktuell" hat unlängst erklärt, die "Tagesschau" erhebe keinen Anspruch auf Unfehlbarkeit, und genauso wenig beanspruche man die Deutungshoheit über das politische Geschehen oder wolle den Bürgern weiterhin vorschreiben, was sie zu Glauben hätten. In diesem Zusammenhang müsse man auch lernen, dass die AfD als eine demokratisch legitimierte Partei zu behandeln sei und wolle deshalb zukünftig auf den Zusatz "rechtspopulistisch" verzichten. - Na, wenn das nicht ein ermutigendes Plädoyer für die Demokratie ist ...

Andreas Reinhardt / Beitrag v. 01.12.16

 

 

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