Verstandanteportas

Die Berliner U-Bahn - ein zwiespältiges Erlebnis in gelb-orange

Die Fahrt in der Berliner U-Bahn hat etwas von einem Besuch in Zoo oder Aquarium - mit dem Unterschied, dass man nicht hinter Wassergraben oder Sicherheitsglas steht, sondern mitten drin in der urbanen Realität der deutschen Hauptstadt.

Routinierte Fahrgäste, die zu den Ur-Berlinern oder solchen zählen, die schon seit Jahren hier beheimatet sind, geben ein ziemlich einheitliches Bild ab. Gut einstudiert ist das Zurückziehen jedes Einzelnen in sich selbst, hinter Smartphone oder gedruckte Massenmedien. Kaum einer möchte sich noch dem kalten Hauch fortschreitender Verarmung und Verrohung, dem Gestank und Schmutz stellen. Selbstverständlich sind nicht solche zu vergessen, die in diesem Ambiente geradezu aufzublühen scheinen und dem noch Vorschub leisten.

Die möglichen Szenarien sind vielseitig. Da wäre eine Infrastruktur, die aufgrund langjähriger Vernachlässigung zugunsten von Kostenminimierung aus der Feder der Öffentlichen Hand bittere Früchte trägt. Jeder regelmäßige Nutzer kann ein Lied davon singen. Es verspäten sich Züge oder fallen ganz aus, weil marode Kabelstränge oder Gleise etc. das erfordern. Schienenersatzverkehr ist obligatorisch geworden, neben verwirrenden Lautsprecheransagen und Informationsaushängen. Immer aktuell ist auch das Ausfallen von Waggontüren, was dazu führt, dass Fahrgäste wiederholt aussteigen müssen und ein missmutiger Zugführer auf und ab geht, um das fehlerhafte System halbwegs in Gang zu setzen. - Sicher kennen auch Sie diese Aufkleber, die darauf hinweisen, dass einzelne Türen außer Funktion sind. Täusche ich mich da, oder werden es solcher immer mehr ...?!

Doch auch der anonyme urbane Mensch ist ein schwerwiegender Faktor. Von Laien-Musikern, die oft genug so viele Disharmonien hervorbringen wie ein schadhaftes Grammophon, über sich tummelnde lautstarke Verkäufer von Obdachlosen-Zeitungen, bis hin zu Volltrunkenen, die ihren Mageninhalt auf Bahnsteige oder in Waggons entleeren, ist vieles anzutreffen. Auch angeregte Kommunikation gehört zum Repertoire, wie etwa ein impulsives Gespräch oder gestenreiche und mitunter fingerfertige Hände.

Ganz ohne Zweifel, die Berliner U-Bahn ist geradezu prädestiniert, als städtisches Erlebnisangebot in die einschlägigen Touristenführer aufgenommen zu werden - als Spiegel für Vielfalt, Individualität und Laissez-faire einer liberalen Gesellschaft rot-grüner Prägung.

Mir stellt sich dabei nur eine Frage: Warum fahre ich selber U-Bahn anstatt Auto? - Vielleicht, weil sie mich mein Leben lang begleitet und zu Berlin gehört, wie "Langer Lulatsch" oder "Goldelse"? Oder sind es die hilfsbereiten und humorvollen Momente, die einem ebenfalls von Zeit zu Zeit begegnen? Von allem ein bisschen, denke ich. Vor allem aber ist die Berliner Sehenswürdigkeit in gelb-orange eine immerwährende Inspiration für einen Schriftsteller ...

Andreas Reinhardt / Beitrag v. 21.01.17

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