Verstandanteportas

Umgangsformen in Berlin: Wolkenkuckucksheim trifft auf Realität

Es war kürzlich an einem Freitag, genauer an einem frühen Nachmittag. Selbstredend hatte meine Bankfiliale bereits geschlossen. Überraschend gut besucht war jedoch der Vorraum, der die zeitgemäß anonymen Geldautomaten und Belegdrucker bereithält. - Nun gehört es im Moloch Berlin ja längst zum fragwürdigen Ton, skurile oder befremdliche Situationen mitzuerleben. Allerdings erwartete mich in dieser Miniaturarena des Kapitals geradezu ein Schaulaufen schlechten und surrealen Benehmens:

Ich benötigte nur einen Kontoauszug und reihte mich also in eine der entsprechenden Warteschlangen ein. Unmittelbar vor mir stand ein in Höhe und Breite eher schwach gebauter Mann mittleren Alters. Meine Vermutung ging in Richtung Biodeutscher vom Typus Gutmensch und Pädagoge/Soziologe - also einer der gerne doziert, um anderen die Welt zu erklären. Und tatsächlich ruhte dessen Blick auf einem zur feisten Fettleibigkeit neigenden unrasierten Mann orientalischen Aussehens, der seine Flegeljahre eigentlich längst hinter sich haben sollten und in einer anderen Schlange mit dem Smartphone zugange war.
"Entschuldigung", begann der Mann vor mir das multikulturelle Aufeinandertreffen mit einer pseudointellektuell freundlichen Penetranz, die sofort auch an meinen Nerven zupfte. Dazu machte er noch einen symbolischen Schritt auf den Angesprochenen zu, welcher zunächst noch unbeteiligt aufsah.
"Eigentlich muss man sich hier hinten anstellen ..."
Das Gesicht seines Gegenübers verfinsterte sich während des kurzentschlossenen Näherkommens: "Was willst Du denn, isch steh' hier schon seit zehn Minuten!", polterte der los.
"Oh, das habe ich nicht gesehen, sorry", entgegnete der Biodeutsche betreten, machte einen weiteren Schritt auf den Mann zu und berührte diesen versöhnlich am Arm.
Das fand der nun aber alles andere als friedensstiftend und machte einen pickierten Satz rückwärts: "Ey, was fasst Du misch an! Nisch anfassen!" Auf dem Weg zurück fluchte er weiter: "So ein Idiot, Spast!" 
Der augenscheinlich völlig desillusionierte "Gutmensch" nahm daraufhin wieder seinen Platz vor mir ein und sah mich flüchtig an. "Ein Missverständnis", rechtfertigte er sich rückgratlos wispernd.
Noch unschlüssig, wer von beiden mir mit seinem Gehabe mehr gegen den Strich ging, entschied ich, das Männlein vor mir zu ignorieren.

Der von mir auserkorene Belegdrucker wurde gerade frei. Doch anstatt das Feld für den Nachfolgenden zu räumen, drehte sich die verlebt wirkende Endvierzigerin nur leicht zur Seite und begann ihren Kontoauszug zu studieren.
"Sind Sie fertig?", kommentierte der Nächste in der Reihe ihre Ignoranz mit geduldiger Freundlichkeit.
Er zuckte genauso zusammen wie ich, als ihm ein schrill aggressives "Ja!" entgegengeschleudert wurde, woraufhin die verärgerte Frau mit gesenktem Kopf hinausstapfte, als hätte sie irgendwo noch einen blutigen Krieg zu führen.

In der sicheren Annahme, das Pensum alltäglichen Schwachsinns nunmehr hinter mich gebracht zu haben, betrat ein hochgewachsener hagerer Schwarzafrikaner die Szene. Unsicher schaute er zu den Geldautomaten im hinteren Bereich. Er schien Schwierigkeiten zu haben, das Ende der Warteschlangen zu finden, was im allgemeinen Durcheinander in der Tat ein Problem darstellte.
Mit gebrochenem Deutsch, dabei jedoch sehr höflich und zurückhaltend, wandte er sich an einen ebenfalls großen Mann mit Glatze und mürrischem Gesichtsausdruck: "Verzeih'n, hier Automat für Geld?"
Erst jetzt wurde mir bewusst, dass der Angesprochene bereits seit meinem Eintreffen nur reglos dastand, ohne überhaupt anzustehen. Dass er das noch dazu in einem überdimensionierten geschlossenen Mantel tat, welcher beinahe bis zum Boden reichte, machte ihn zu einer besonders merkwürdigen Erscheinung.
"Was willst Du von mir?! Sehe ich so aus, als wenn ich angesprochen werden will?!"
Der Schwarzafrikaner schien zu glauben etwas falsch gemacht zu haben und reagierte nun noch ergebener, wobei er auf eines der Geräte wies: "Bitte, brauche Geld, hier?"
Noch immer rührte sich der Mantelträger keinen Zentimeter: "Wer bist Du?! Warum quatscht Du mich an?! Lass mich in Ruhe!"
Jetzt war es um meine antrainierte Gleichmut geschehen. Schon schickte ich mich an, den unverschämten Gesellen zurechtzuweisen, als er plötzlich wie von der Tarantel gestochen hinausstürmte und dabei alle Blicke auf sich zog.
Gut möglich, dass es sich bei ihm um eine weitere Spielart von Exhibitionisten handelte, ging es mir noch durch den Kopf. Das Abwartende und der Mantel hätten ja irgendwie dazu gepasst ...

Na ja, als ich die Filiale endlich wieder verließ, musste ich jedenfalls lauthals lachen. Galgenhumor, vermutlich. Man hätte das Erlebte für ein überzeichnetes modernes Theaterstück halten können, etwas, dass man so nie und nimmer in der Realität erleben könnte. Doch es war und ist Realität, Berliner Realität. Realität in der deutschen Hauptstadt, deren Menschen von Tag zu Tag debiler zu werden scheinen. Doch solange es politische und mediale Meinungsapostel gibt, die die um sich greifende Verwahrlosung ignorieren oder zur Normalität erklären wollen, geht diese Entwicklung weiter, immer weiter dem Abgrund entgegen ...

Andreas Reinhardt / Beitrag v. 10.12.17 

 

 

 


  

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